Ernährungsrat: Die Wende beginnt vor Ort!

Wer weiß schon noch wo seine Lebensmittel herkommen? Wer kann am Supermarktregal einschätzen, welche Lebensmittel besser oder sinnvoller sind? So geht es uns Verbrauchern – so ähnlich geht es aber auch den Städten! Lebensmittelversorgung ist wichtig für Städte: Sie gestaltet das Wohlergehen der Bürger, die Lebenswertigkeit einer Stadt und ihre Umweltauswirkungen wesentlich mit. Doch Einfluss haben die Städte darauf fast nicht. Ernährungsräte wollen das ändern. In Ihnen schließen sich Bürger, Aktivisten, die lokale Politik und die regionale (Land-) Wirtschaft zusammen und arbeiten gemeinsam an einem besseren Ernährungssystem. Die Idee des Ernährungsrats findet aktuell auch in Deutschland immer mehr Verbreitung.

Welche Funktionen erfüllt ein Ernährungsrat?

A Der Ernährungsrat ist die neue Plattform im Ernährungssystem. Er bündelt die Interessen der verbliebenen lokalen Akteure der Lebensmittelversorgung. Bürger sind längst nicht mehr nur Konsumenten, sondern über Gemeinschaftsgärten, als Essensretter, Tafelunterstützer oder Slow-Food-Aktivist wichtige Akteure im Ernährungssystem. Diese Akteure sind gleichberechtigte Partner zwischen den vielfältigen Mitgliedern eines Ernährungsrats.

B Der Ernährungsrat ist der Think Tanks des lokalen Ernährungssystems. In ihm kooperieren die verschiedenen Akteure von Landwirtschaft bis Entsorgung. So sammelt sich im Ernährungsrat das Wissen der unterschiedlichsten Bereiche des Ernährungssystems. Da gibt es für alle Seiten etwas dazu zu lernen! Ein Ernährungsrat sucht nach Lösungen für Probleme, identifiziert Chancen und entwickelt eine Vision für das lokale Ernährungssystem.

C Ein Ernährungsrat stößt  als Impulsgeber Entwicklungen im Ernährungssystem an. Er initiiert Projekte, diskutiert und bewertet Kommunalpolitik in Bezug auf das Ernährungssystem. Ein Ernährungsrat entwickelt Handlungsprogramme zur Optimierung der Lebensmittelversorgung. Auf der lokalen Ebene geht es dabei insbesondere um die Belange von Wirtschaft, Kultur, Sozialwesen, Gesundheit und Nachhaltigkeit. Im Kern geht es also um Stadtentwicklung.

Was tun Ernährungsräte?

Ernährungsräte beginnen ihre Arbeit oft mit einer Bestandsaufnahme des lokalen und regionalen Ernährungssystems. Denn eigentlich weiß niemand so genau, wie die Versorgung der eigenen Stadt aussieht. Welche Probleme machen Veränderungen notwendig? Welche Potenziale bietet das Ernährungssystem für eine Entwicklung? Eine Ernährungsstrategie ist in der Regel nicht gleich der zweite Schritt, aber ein Meilenstein auf dem Weg zur Veränderung des lokalen Ernährungssystems. Im Rahmen dieser Strategie wird dann Einfluss auf das Ernährungssystem genommen – oft über die Förderung von urbaner Landwirtschaft, die Einrichtung und Förderung von Gemeinschaftsküchen, die Förderung regionaler Ernährungssysteme, die Bekämpfung sozialer Benachteiligung im Ernährungsbereich, die Optimierung der Gemeinschaftsverpflegung und die Veranstaltung von Konferenzen und anderen Events.

Die Geschichte der Ernährungsräte

1 Aus einem studentische Projekt ist 1982 der erste Ernährungsrat in Knoxville, Tennessee entstanden. Diesem Vorreiter folgten weitere Food Policy Councils in Nordamerika, die anfangs zu Lösung einzelner Probleme (wie zum Beispiel Lücken in der Nahversorgung) eingerichtet wurden. Heute haben sich Ernährungsräte sich zu einem wichtigen Instrument der Ernährungspolitik in Nordamerika entwickelt: Ihre Zahl ist von 2004 bis 2014 von 29 auf 263 angestiegen.

2 Die Food Partnership Brighton and Hove war der erste Ernährungsrat in Europa – auch wenn man bei der Gründung 2005 noch nicht auf den amerikanischen Namen Food Policy Council zurückgreifen wollte. Erst in den letzten Jahren sind diesem Vorbild einige andere Städte gefolgt: So gibt es heute beispielsweise in Bristol und Rotterdam Ernährungsräte. In Deutschland begannen die ersten Diskussionen um Ernährungsräte im Jahr 2014.

3 In Berlin begann Anfang 2014 die “AG Stadt und Ernährung” an einem Konzept für einen Ernährungsrat zu arbeiten. In Köln diskutierte der Verein “Taste of Heimat” seit Anfang 2015. Im September 2015 hatte die Berliner Verbraucherschutzstaatssekretärin Toepfer-Kataw zum “Forum Gutes Essen” eingeladen. Der Ernährungsrat Köln gründet sich am 7. März 2016 und der zivilgesellschaftliche Ernährungsrat für Berlin am 22. April 2016. Überblick und Updates auf ernaehrungsraete.de

Alles im Blick!

Eine optimierte Lebensmittelversorgung, ein besseres lokales Ernährungssystem hilft der städtischen Entwicklung, verbessert die Lebensqualität der Bürger und schont die Umwelt. Ernährungsräte arbeiten nicht nur an dieser Optimierung, sondern helfen auch dabei die Aufmerksamkeit auf diese Zusammenhänge zu richten. Das lokale Ernährungssystem kann ein bisschen Werbung gebrauchen! Dabei ist es wichtig, dass sich der Ernährungsrat in seiner Arbeit und seinen Mitgliedern nicht auf einzelne Bereiche des Ernährungssystems beschränkt. Die Betrachtung der gesamten Lebensmittelversorgung, aller Elemente des Ernährungssystems ist wesentlich um Chancen zu entdecken und Strategien zu entwickeln. “Food System Thinking” sagt der Amerikaner dazu – es geht darum das ganze Ernährungssystem im Blick zu halten.